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| Geistergeschichte |
Wir waren damals in unserem fünften Jahr an der Academia, einfache Novizen und noch kaum in die Kunst der Magia eingewiesen. Unsere kleine fünfköpfige Gruppe war wohlbekannt, ein geschlossener Zirkel, die besten unseres Jahrgangs. Auf die Idee einer Geisterbeschwörung waren wir aus verschiedenen Gründen gekommen: Zum einen konnten wir Magister Bron, der uns tagein tagaus Formeln rezitieren ließ, nicht leiden, zum anderen waren wir nach Abenteuern dürstende Kinder und unsere guten Klausuren hatten uns wohl überheblich und arrogant werden lassen. Der Hauch des Verbotenen reizte – es war an der Academia untersagt, außerhalb der Belehrungen zu zaubern – und es erschien uns als eine spannende Abwechslung zum tristen Novizenalltag.
In den Gewölben unserer Academia gab es einen Kellerraum, der stets abgeschlossen und nur noch als Abstellraum für allerlei seltsames Gerät genutzt wurde. Wir hatten schon des öfteren heimlich den Schlüssel entwendet, um uns nächtens dorthin zu stehlen. Dann stöberten wir nach Herzenslust in dem riesigen vollgestellten Raum herum: alte Bücher, schwere Truhen, Kisten und große Schränke, ein altes Spinett, verhüllte Spiegel, seltsame metallene Instrumente in hohen Regalen, über deren Sinn und Gebrauch wir stets rätselten...
An diesem Abend hatten wir an alles gedacht, denn unser Vorhaben war schon lange geplant. Die Beschwörungsgewänder, große Talgkerzen und Zauberkreide lagen schon seit geraumer Zeit deponiert. Ich hatte kein gutes Gefühl, als wir uns dieses Mal aus den Dormitorien stahlen und im Dunkel durch die verzweigten kalten Gänge schlichen. Fast wären wir sogar von einem Magister erwischt worden, der noch zu später Stunde unterwegs war. In dem dusteren Kellerraum angekommen begannen wir sogleich mit unseren Vorbereitungen. Ohne unnötige Worte zu verlieren und in feierlicher Stimmung schlüpften wir in die Gewänder und malten die begünstigenden Zeichen auf den Steinboden. Die Fackeln wurden gelöscht und die Kerzen entzündet, um uns her tanzten die Schatten in Bergen von Gerümpel und in den Bögen der hohen Decke. Einen Kreis bildend setzten wir uns um die Kerzen herum und reichten uns die Hände. Wir sahen uns alle ernst an und die feierliche Stimmung erreichte ihren Höhepunkt: zu meiner Linken die blasse, blonde Inarés, die wie zerbrechliches Porzellan wirkte, dann Avesso, erwartungsvoll und mit bronzen schimmernder Haut, Efferdito unser Anführer, ruhig und gelassen wie immer, und der schüchterne, schmächtige Khalid zu meiner Rechten, der Begabteste von uns Fünfen. Er sollte die Zeremonie leiten. Es herrschte Einigkeit: es sollte beginnen.
Wir schlossen die Augen, begannen uns zu konzentrieren und leise zu singen, um unsere Kräfte zu vereinen. Ich spürte, wie wir zusammen die Matrix woben und die Kraft aus meinem Innersten und durch meine Hände zu fließen begann – es war berauschend! Efferdito hatte recht gehabt: nichts anderes hätte unsere Gruppe je so miteinander verbunden. Nach langem Singen begann Khalid mit der Beschwörung. Ich öffnete die Augen. Sein Blick war glasig, als er in den Rauch der Kerzen starrte. Die Kraft begannen nun anzuschwellen, stärker zu fließen, bis das Gefühl zu einem starken Reißen wurde. Ich glaubte schon, dem Sog nicht standhalten zu können... – doch dann brach die Verbindung ab. Auch meine Freunde öffneten nun die Augen und schauten sich neugierig um. Avesso blickte zweifelnd, doch Khalid und Efferdito waren voller Zufriedenheit. Die Schatten flackerten wie zuvor in dem Gewölbe und dem Gerümpel um uns her, und doch schienen sie nun dichter, manifester zu sein...
„Wo bist du, Alp?“, fragte Khalid laut in den dunklen Raum und der Klang seiner Stimme wäre ernüchternd gewesen, ertönte sie nicht gedämpft von geballter Dunkelheit. Etwas unheimliches geschah: Die Schatten begannen mit einem seltsamen Flüstern über den Boden zu fließen und sich noch finsterer zu verdichten. Plötzlich spürte ich die Präsenz in den dunklen Nischen, lauernd und böse. Die Antwort kam leise, tief und dunkel und in altertümlichem Klang: „Was wollt ihr von mir?“ Kaltes Entsetzen erfasste mich und lähmte meine Gedanken und Glieder. Khalid atmete hörbar ein. „Du sollst dem Magister Bron deinen schlimmsten Traum bringen, Alp!“, sagte er. Seine Stimme war fest und sein Blick flackerte triumphierend. Leises, böses Lachen hallte von den Wänden wider. „Und was, Mensch, gebt ihr mir dafür?“ Khalid war überrascht, sein Blick flatterte zu Efferdito. „Was willst du denn?“ fragte er zögerlich. Die Stimme aus den Schatten antwortete langsam und unnatürlich gedehnt, doch jedes verzerrte Wort stand deutlich im Raum. „Gebt mir von der Kraft, die in eurem Blute fließt“ Khalid blickte entsetzt. Unsicher wanderte sein Blick wieder zu Efferdito, doch auch der wirkte erschrocken. Niemand von uns hatte sich darüber Gedanken gemacht, dass eine Gegenleistung zu erbringen wäre. Ich spürte, wie Inarés neben mir den Kopf schüttelte, Avesso schienen vor Entsetzen die Augen aus den Höhlen springen zu wollen. Efferdito entschied, wie er es immer tat, und bedeutete Khalid ein Kopfschütteln. Der atmete erleichtert auf und wandte sich wieder in den Raum: „Der Preis ist zu hoch. Nenne einen anderen, Alp!“
Es kam keine Antwort. Die Stille war absolut. Verwundert blickten wir uns um. „Ist er wieder gegangen?“, flüsterte Inarés. Der Spiegel hinter ihr zerbarst mit einem lauten Klirren und die Splitter flogen uns um die Ohren. Ich schrie auf, als ein stechender Schmerz durch meinen Arm fuhr. Als ich an mir herunterblickte, sah ich, wie sich um die Spiegelscherbe, die in dem Arm steckte, das Gewand dunkel färbte. Eines der hohen Regale kippte knirschend vornüber und zerschellte samt Inhalt in ohrenbetäubendem Krachen am Boden. Staub wirbelte auf und nahm uns Sicht und Atem. Plötzlich schossen Gegenstände durch die Luft, Bücher sausten an unseren Köpfen vorbei und Pergamente prasselten auf uns nieder. Das Spinett polterte in quälenden Missklängen eine scheußliche Melodie zum Bersten und Krachen der schlagenden Truhendeckel, und auch die Türen der Schränke begannen rasend in Windeseile auf und zu zu schlagen. Überall zerbarst Glas. „Rennt! Raus hier, rennt, schnell!“, schrie Efferdito. Inarés’ Schrei ging unter in einer weiteren gewaltigen Explosion von Flaschen und Spiegeln. Wie von einer gewaltigen, unsichtbaren Hand wurden die metallenen Instrumente aus den Regalen gefegt und sirrten kreischend über unsere geduckten Köpfe...
Dann rannte ich, wie ich nie in meinem Leben gerannt bin!
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