| Brief an Lucan |
Mein lieber Lucan,
wie sehr hatte ich gehofft, Dich in Methumis anzutreffen. Dort sagte man mir, Du hättest Deine Studien nach Vinsalt verlegt; doch auch hier komme ich zu spät, auch hier hast Du Deine Zelte bereits abgeschlagen und niemand vermag mir über Deinen Verbleib zu berichten. Welch Arcanum es wohl diesmal ist, das Deinen Geist faszinierte und Dich erneut in die Welt trieb?
Heute erst, da ich zum ersten Male mehr von Dere sehe als die Studierstuben der Academia Solis Orbis Obscurae, beginne ich zu verstehen, was Du damals meintest, als Du mir von genuinem Erfahren der Welt sprachst. Kurz darauf brachst Du auf zu Deiner ersten Queste. Hesindes Weisheit sprach aus Dir: Welterkenntnis ist Selbsterkenntnis. Und ich war in einseitiger Sichtweise und Unrecht, Dir mit der rein intellektuellen Erkenntnis zu argumentieren.
Mein Lieber, meine Ausbildung ist nun abgeschlossen. Ich werde noch eine Weile den Obrigkeiten der Academia zur Verfügung zu stehen haben, um meine Schuld zu begleichen. Mein erster Auftrag führt mich nach Grangor in die Academia der Erscheinungen. Mein Herz jubelte bei dem Gedanken Deinen Spuren zu folgen. Gerne hätte ich Dich angetroffen und gesprochen – wie viel Zeit doch vergangen ist, seit wir uns das letzte Mal sahen! Und doch steht mir unser letztes Gespräch präsent und lebendig im Geiste, als sei es erst gestern gewesen, dass wir uns in Worten erhitzten. Du warst in Sorge ob meiner Studien und der Festigkeit meines Glaubens, warntest Du mich doch so eindringlich vor der Gratwanderung meines eingeschlagenen Weges der Erkenntnissuche. Fürwahr, manche Schritte scheinen gar verlockend! Doch sei beruhigt: Wenn ein Spielmann seine Flöte kennt, wird ihr kein Missklang entspringen. Und beherrscht er die Kunst des Musizierens fürwahr, bläst er auf Bambus so wie auf edlem Holze und gewinnt das Ohr des Publikums. – Ist nicht der ein Narr, der sich um der vermeintlich letzten Konsequenz der Freiheit willen in Unfreiheit stürzt? So wäre Freiheit Willkür und nicht der Keim der Weisheit, und somit Schmutze unter Nandus’ Füßen.
Mein Auftrag erlaubt mir kein längeres Verweilen in Vinsalt, ich hinterlasse Dir denn meinen Gruß im Tempel unseres Herren in der Hoffnung, Dein Weg möge Dich hierher zurückführen.
Dir tief verbunden,
Cerberis
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