Ada erzählt von einem religiösen Erlebnis

„Als wir an jenem Tag im Travia aufbrachen, ahnte ich nicht, was mir bevorstand. Es schien eine kleine, nur ein paar Tage dauernde Reise zu werden, wie Iriana und ich sie des öfteren vor dem hereinbrechenden langen Winter unternahmen, um die letzten Kräuter des Jahres zu schneiden. Iriana hatte während der letzten Tage oft vom nahenden Winter gesprochen, er versprach außerordentlich kalt zu werden, das sagten ihr die alten Knochen. Ich belächelte damals diese Weisheiten der Alten, war ich doch jung und voll des Lebens, gerade siebzehn Sommer zählend.

Wir hielten uns südlich des Bornwaldes und wollten bald abbiegen, den Blick zwischen die beiden fernen Sicheln richtend, doch zu meinem großen Erstaunen schlug Iriana den genau entgegengesetzten Weg ein, gerade in die Tiefen des Waldes hinein. Ich bekam keine Antwort auf mein Fragen, so folgte ich ihr, zunehmend eingeschüchtert ob des dicken Unterholzes und der sich mächtig erhebenden Baumriesen. Iriana ging weiter und weiter, und mir wurde zunehmens bange. Wir waren niemals zuvor so tief in den Wald eingedrungen, wobei wir uns schon weit tiefer hinein wagten als die ansässige Bevölkerung, die sich die seltsamsten Geschichten über diesen Wald erzählte. Ich hatte diesen Erzählungen nie Glauben geschenkt, schienen sie mir doch allzu unglaubwürdig und übertrieben. Doch nun, da das Licht immer grüner und die Welt des Waldes dunkler und schattiger wurde, nahmen die Bilder der Geschichten in beängstigender Klarheit vor dem geistigen Auge Gestalt an.

Schon nach einigen Stunden kamen wir kaum mehr einen Meter voran, so undurchdringlich wuchsen Strauch und Gestrüpp. Iriana hatte sich unermüdlich vorangekämpft, immer wieder gezwungen die Richtung zu wechseln, und alle meine Versuche, sie zum Umkehren zu bewegen, oder den Grund ihres Tuns zu erkennen, blieben vergebens. Schließlich bahnte sie uns den Weg durch ein Dornengestrüpp, einer Mauer gleichend, und dahinter lag eine winzige Lichtung, nicht wirklich hell wegen der hohen sie umgebenden Bäume, und doch freundlich ob der Dunkelheit, aus der wir traten. Der Boden war mit weichem Moos bewachsen, die Stämme der ausgewachsenen Birken um uns bildeten einen silbernen Ring und genau in der Mitte des Kreises entsprang unter einem großen Kiesel ein Quell, der in tiefem vollem Klang leise flüsterte. Mir war, als stände ich am Grunde eines Brunnens und blickte zu einer grünen Sonne auf. Ich war wie verzaubert und nie hatte ich mich so rein und präsent von dem geliebten Elemente Humus umfangen gefühlt.

Nach einer langen Stille, in der wir beide die Heiligkeit dieses Ortes in uns aufsogen, wandte sich Iriana mir zu und sprach: „Mein liebes Kind. Ich habe dich aufgezogen wie meine eigene Tochter, deine Talente erweckt und gefördert und dir alles beigebracht, was ich jemals wusste. Und doch gibt es noch eines, das du erfahren musst, denn ohne dieses wäre die Aufgabe, dir mein Wissen ohne Makel weitergegeben zu haben, nicht vollendet.“ Sie hielt kurz inne und blickte mir fest in die Augen. „Bist du bereit für die letzte Erfahrung deiner Ausbildung?“

Ich wusste nicht, ob ich bereit war, ich hatte nur große Angst. Aber ich wollte bereit sein und mich allem stellen was da käme, denn ich war mir meiner Fähigkeiten bewusst. So stimmte ich zu. Iriana bat mich daraufhin, mich zu entkleiden, stand lange still und ich spürte, wie sie die hier wohnenden Elementare rief und ihnen Weisung gab. Als sie erneut anhob zu sprechen, war ihre Stimme klar wie die Strahlen der Sonne im Winter: „Du wirst diesen Ort sechs Mondläufe nicht verlassen können. Im Peraine, wenn die Frist verstrichen ist, werde ich kommen und dich holen. Bis dahin nutze die Zeit und wachse!“ Und bevor mir die Ungeheuerlichkeit des Gesagten zu Bewusstsein kam, hatte sie meine Gewänder genommen und ward durch die Bäume verschwunden.

So stand ich nackt mitten im kühlen Walde. Wogen von Grauen erschütterten mein Herz und machten es mir lange unmöglich, klare Gedanken zu fassen. Aber schon bald begann ich meine Möglichkeiten zu bedenken: Ich wusste, den Elementaren war befohlen, mich am Verlassen der Lichtung zu hindern und tatsächlich: ging ich zu nahe an die Bäume heran, sah ich ihre wachen Gesichter aus den silbrigen Stämmen mich ansehen. Wie sollte ich jemals an ihnen vorbeikommen? Und sollte ich es schaffen, die Lichtung zu verlassen, in welche Richtung sollte ich mich dann wenden? Ich hatte vollkommen meinen sonst so verlässlichen Orientierungssinn verloren und würde mich hoffnungslos in diesem seltsamen Walde verirren. Ich musste an diesem Ort bleiben. Das Wasser der Quelle würde meinen Durst stillen, aber wie sollte ich mich ernähren? Selbst wenn Moos und Rinde mich am Leben hielten, wie sollte ich die Kälte des nahenden Winters überstehen? Schon jetzt begann mein Körper ohne die schützenden Gewänder auszukühlen. Ich würde binnen kurzer Zeit erfrieren. Langsam wurde mir klar, dass es keinen Ausweg gab, dass kein Wissen und Tun mir helfen konnte, dem Tode zu entfliehen. Und so stellte ich mich der Erkenntnis, dass ich sterben würde.

Ich schloss die Augen und nahm den Gedanken ganz in mich auf, bis in die tiefsten Tiefen von Blut und Seele. Da betete ich: Ich bin ein Geschöpf Sumus, gekommen aus dem Leib der Großen Mutter und wieder in ihren Leib zurückkehrend, ein kleine Speiche im großen Rad des ewigen Werdens und Vergehens. Ich wollte nur noch eines: der Großen Mutter nahe sein! Da erlosch mir plötzlich alle Angst, erlosch jede Selbsterhöhung, erlosch mir das Ich. Für einen kurzen und ewigen Augenblick– ich vermag es nicht zu sagen – war alle Trennung aufgehoben, wie ein sich hebender Schleier im Geiste. –
Doch ich wurde zurückgeworfen in die Zeit. Die beglückende Erfahrung hallte in mir nach wie ein sanftes Echo und es nahm ein Wort Gestalt an: Wachse! So schlug ich Wurzeln in die weiche Erde, streckte mich, trieb aus und wuchs der grünen Sonne entgegen, verankerte mich fest im Erdreich und wand mich dem Lichte entgegen...

So stand ich still sechs Monde und weiß davon nicht in Worten zu berichten.

Und als der Peraine kam, stand Iriana vor mir. Ich war wieder Ada, doch als unser Blick sich traf, war er nicht länger zwischen Mutter und Tochter, sondern zwischen Schwestern.“

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