| Geschichte von Iriana vom Weißquell |
"Es war Spätherbst, als ich damals vor so vielen Jahren den Reisenden begegnete.
Ich hatte meinen Kräutervorrat für den kommenden Winter aufgestockt und insbesondere viele Kamillen gesammelt, da in einem der Dörfer, in denen ich als Heilerin tätig bin, eine junge Bäuerin kurz vor der Niederkunft stand. Ich war nur noch zwei Tagesmärsche von meiner Waldlaube am Weißquell in den südlichen Ausläufern des Bornwaldes entfernt.
Es waren der Reisenden Fünfe, Eheleuts mit einem kleinen Kinde, die Schwester und der greisenhafte Vater des Mannes. Sie lagerten am Wegesrand, wohl schon seit Tagen, denn Mann und Frau lagen darnieder mit hohem Fieber. Ich versuchte zu helfen, und während ich mein Möglichstes tat um die Beiden von der Schwelle des Todes zu erretten, erzählte mir der Greis, die Familie habe sich vor Wochen aufgemacht um einem schlimmen Gutsherren zu entfliehen und wolle, gen Westen ziehend, ihr Glück jenseits der Berge, vielleicht nahe Baliho versuchen. Man hatte gehört, das einfache Volk habe es dort besser und leichter. Doch dann waren Frau und Manne erkrankt, es wurde nicht besser, bis man schließlich nicht mehr weiter konnte.
Noch den ganzen nächsten Tage pflegten wir, der Greis, die Schwester und das Kinde, nach meinen Anweisungen die beiden Kranken. Doch die Hilfe kam zu spät, gegen Abend erlag zuerst die Frau, im Morgengrauen dann ihr Manne. Wir legten sie zur Ruhe am Wegesrande unter der Erde, so dass ihre Leiber zurückkehrten und eingingen in Sumus Leib, aus dem alles Leben erwachsen ist und zu dem alles Leben zurückkehrt.
In den Tagen der Pflege war mir das Kinde aufgefallen. Das Mädchen zählte gerade drei Sommer und bewies ein ungewöhnliches Geschick im Umgang mit Pflanzen. Aber es sprach die ganze Zeit kein einziges Wort! Als ich die Schwester danach fragte, senkte sie die Stimme. Das Mädchen Ada habe nie gesprochen und es sei ein sonderbares, unheimliches Kinde.
In dieser Nacht fand ich keinen Schlafe, mein Herz war merkwürdig bewegt und sprach mir von seltsamen Dingen. Und auch der Wind flüsterte und die Bäume raunten mir davon. So kam es, dass ich Greis und Schwester beim Abschiede bat, mir die Kleine zu überlassen. Sie waren froh um die Münzen, denn die brauchten die Armen, obwohl ihnen die Herzen schwer waren dabei. Das Mädchen Ada hingegen schien weder vom Tode der Eltern, noch vom Abschiede von Tante und Großvater traurig gestimmt, nein, es übergab sich vertrauensvoll meiner Obhut und auf dem Weg zum Weißquell war sein Schritt fröhlich und heiter."
|
|
|